Die Völklinger Hütte - Das Buch zum Weltkulturerbe im Internet - Buchseite 6

Die Völklinger Hütte / Textbereich - Perspektivenwechsel - Buchseite 6

Perspektivenwechsel

Als Kind im Auto über die Wehrdener Brücke. Rechts ragen Mauern und dahinter dunkle Maschinen-Riesen. Wie oft wurde das Völklinger Kind vorbeigefahren, bevor es fragte: "Was sind das für Dinger?" "Da wird gearbeitet. Röchling. Die Hütte." Der Vater, Lehrer, sein Vater "einfacher Hüttenarbeiter", der den alten Kommerzienrat Röchling noch kannte und zusah, wie der die Kinder zu sich aufs Pferd hob, wenn er an den Siedlungen seiner Arbeiter vorbeiritt. Der Vater also sprach nicht von Hochöfen, Sinteranlage oder Koksherstellung. Der Sammelbegriff "Hütte" genügte. Er war gleichzusetzen mit schwerer Arbeit und Geldverdienen. "Hauptsach', die Schorschde raache." Mehr mußte man in Völklingen nicht wissen über die Stadt hinter den Mauern.

Später las die Gymnasiastin im "Seydlitz" über lothringische Minette und saarländische Kohle, betete auswendig daher, wie aus Sinter, Koks, Schrott und Wind Flüssigeisen wird und wie sich aus Holzfällern, Erzgräbern oder Köhlern im Zuge der industriellen Revolution Proletarier entwickeln - an der Saar Arbeiterbauern. Hinter die Mauern kam sie nie.

Die Stadt Völklingen blieb grau und rostig und dreckig. Sie sah es nicht. Und wenn im Sommer auf dem Balkon schwarze Partikelchen aufs Zeitungspapier rieselten, schnippste sie sie weg. Manchmal stöhnten die Frauen in der Kittelschürze am Straßeneck "iwwer die Hitt', die nur Dreck macht, daß ma dreimol am Daach Staabwische muß." Aber dem Reporter eines politischen Magazins sagten sie nichts. "Das geht den doch nix aan. Hauptsach', unser Schorschde raache."

Was da in seltsamer Symmetrie gegen den Himmel stak, waren immer noch "die Dinger". Und für die jungen Mädchen, die nach der sechsten Stunde in der Rathausstraße flanierten, waren die Männer, die ihnen, immer neue, immer mehr, aus Richtung des Bahnhofes entgegendrängten, ausnahmslos "die, die uff da Hitt schaffe". Eine gesichtslose Masse. Nur die billig glänzenden Kunststoffaktentaschen blieben im Gedächtnis. 

Italienisch mischte sich ins Stimmenmeer. Aber bald schon marschierten sie schweigend, die ausländischen wie die saarländischen Arbeiter, neben ihnen die Angst. "In Völklingen gehn die Lichter aus", stand in der Zeitung. Und die Nachbarin wußte es auch schon: "De Max is immer dehemm. Kurzaawed."

Natürlich wußte spätestens die Abiturientin, daß "die Dinger" Hochöfen waren und mit ihnen festzementiert soziale Strukturen. Deshalb gab es nun schon in zweiter Generation in ihrer Familie niemanden mehr, der auf dem Hüttengelände beschäftigt war. Da draußen lag wahrlich eine "verbotene Stadt". Am Bahnhof verlief der unsichtbare soziale Graben.


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